Werkzeugkastenfür Sammlungen und Archive
Zwölf fachlich fundierte Werkzeuge für Übernahme, Erschliessung, Bewahrung, Recht, digitale Langzeitsicherung und Vermittlung — gedacht für ein Archiv, das vieles mit wenig Hand bewältigt.
Optional · gesprochene Einführung. Audiodatei einbinden – Anleitung als Kommentar im Quellcode.
Hintergrundartikel zu allen zwölf Modulen — fachlicher Kontext, zugrunde liegende Standards und Funktionsweise, mit Bildschirmansichten und Quellenverzeichnis.
Begleittext herunterladen (PDF)Jedes Werkzeug stützt sich auf etablierte Standards und ist auf den Alltag von Sammlungen und Archiven zugeschnitten — robust, nachvollziehbar, ohne Spezialsoftware. Alle zwölf Module sind einsatzbereit und laufen direkt im Browser.
Materialspezifische Sollwerte für Temperatur, Luftfeuchte und Licht, mit Risiko-Flags, Mischbestand-Modus und einer Lebensdauer-Simulation. Werte sind fachlich begründete Richtwerte, keine Norm-Vorschrift.
ISO 11799IPINARABizot Green ProtocolKOST
1 Material
Im Einzelmaterial-Modus erhältst du die ideale Klimazone eines Bestands. Im Mischbestand-Modus berechnet das Werkzeug die Schnittmenge mehrerer Materialien und warnt vor unvereinbaren Anforderungen.
2 Empfehlung
Übersicht — empfohlene Klimaparameter mit Begründung.
3 Lebensdauer-Simulation
Die relative Zerfallsrate folgt der Arrhenius-Kinetik mit einer empirischen Feuchteabhängigkeit. Bezug ist ein Büroklima von 20 °C / 50 %. Werte > 1 bedeuten eine längere, < 1 eine kürzere relative Lebensdauer.
k ∝ exp(−Ea / R·T) · (rF / 50)1,3 — relative Lebensdauer = k(20 °C, 50 %) / k(T, rF) · Eₐ materialabhängig · R = 8,314 J·mol⁻¹·K⁻¹
Relative Lebensdauer
Material: Papier & Archivgut
Abb. — T–rF-Klimadiagramm. Achsen: rF (x), Temperatur (y).
Zur Orientierung: Die Werte decken in der Praxis Spannen ab und ersetzen keine bestandsspezifische Konservierungsplanung. Die Lebensdauer-Simulation ist ein vereinfachtes, illustratives Modell, keine exakte Prognose. Klimastabilität (geringe Schwankung) ist oft wichtiger als der absolute Sollwert. Quellen: ISO 11799 · IPI Preservation Index · NARA · Bizot Green Protocol · KOST.
Format wählen und erfahren, ob es sich für die Langzeitarchivierung eignet — mit Eigenschaften, Risiken und empfohlenem Zielformat für die Migration. Orientiert an KOST KaD, Library of Congress und PRONOM.
KOST KaDPRONOMLoCeCH-0165 / SIARDPDF/A
1 Format
Such oder wähl ein Format. Die Bewertung ist eine fachliche Orientierung — die verbindliche Klassifikation liefert der jeweils aktuelle KOST-Katalog (KaD). Die technische Identifikation erfolgt in der Praxis mit DROID/Siegfried (PRONOM), die Validierung mit Werkzeugen wie JHOVE oder veraPDF.
2 Bewertung
Zur Orientierung: Die Bewertungen sind fachliche Richtwerte und können je nach Variante, Profil und Verwendungszweck abweichen; massgeblich ist der jeweils aktuelle KOST-Katalog archivischer Dateiformate sowie das Merkblatt des Schweizerischen Bundesarchivs (für audiovisuelle Medien zusätzlich Memoriav). Welche Formate ein Archiv akzeptiert, entscheidet es selbst. Quellen: KOST KaD · PRONOM (The National Archives) · Library of Congress Recommended Formats · eCH-0165 (SIARD).
Ab wann wird ein Bestand frei zugänglich? Rechtsgrundlage, Aktenkategorie und Aktenschluss eingeben — das Werkzeug berechnet das Freigabejahr und nennt die einschlägige Bestimmung. Standard ist der Kanton Zürich (als kantonales Beispiel).
ArchG ZH (§ 11)IDG ZHBGA (Art. 9–12)
1 Eingabe
Die Berechnung folgt dem gewählten Recht. Für eine Gemeinde im Kanton Zürich gilt das kantonale Archivgesetz; das Bundesgesetz (BGA) ist v. a. für Vergleich und Bundesunterlagen relevant.
2 Ergebnis
Frei zugänglich ab
Keine Rechtsberatung. Schutzfristen und ihre Berechnung unterscheiden sich je nach Gemeinde, Kanton und Aktenkategorie; massgeblich sind das anwendbare Archivgesetz und die Datenschutzgesetzgebung sowie der Entscheid des zuständigen Archivs bzw. der/des Datenschutzbeauftragten. Quellen: Archivgesetz Kanton Zürich (LS 432.11) · IDG ZH · Bundesgesetz über die Archivierung (SR 152.1) und VBGA.
Ein Sammlungsobjekt drehbar in 3D, mit antippbaren Befunden am Objekt — verknüpft mit einer nach LIDO erschlossenen Objektkarte. Digitale Erschliessung und Vermittlung in einem.
LIDOSammlungsobjektVermittlungErschliessung
3D Objekt
Das Objekt ist ein prozedurales Beispielmodell (kein Foto-Scan) zur Demonstration des Prinzips. Die nummerierten Punkte markieren Befunde, die in der Objektkarte rechts erschlossen sind — antippen verbindet Ansicht und Beschreibung.
Befund am Objekt
Die nummerierten Punkte (1–4) markieren Befunde, die rechts nach LIDO erschlossen sind.
i Objektkarte · LIDO
Beispieldatensatz — fiktiv, zur Illustration der Erschliessung nach LIDO.
Zur Einordnung: LIDO (Lightweight Information Describing Objects) ist der etablierte XML-Standard zur Beschreibung von Museums- und Sammlungsobjekten und zum Datenaustausch (u. a. für die Aggregation in Portalen). Die kleinen mono-Angaben pro Feld zeigen die jeweilige LIDO-Zuordnung. Das 3D-Modell dient der Veranschaulichung; in der Praxis stünde hier ein Photogrammetrie- oder Scan-Modell des realen Objekts.
Welcher Metadaten-Standard passt zu welcher Aufgabe? Aufgabe wählen, Empfehlung erhalten, Standards nachschlagen und im Crosswalk sehen, wie sich die Kernelemente entsprechen.
ISAD(G)RiCEAD3Dublin CoreMETS / PREMISLIDO
1 Aufgabe
Wähle, worum es geht — der Wegweiser nennt den primären Standard, die passende Kodierung und ergänzende Standards.
2 Nachschlagen
Kurzprofil zu jedem Standard: Zweck, Verantwortlich, Granularität und Beziehungen.
3 Crosswalk
Wie dasselbe Element in den gängigen Standards heisst — als Orientierung für Migration und Mapping.
RiC ist graph-/entitätsbasiert; die Einträge nennen die jeweilige Entität bzw. Eigenschaft sinngemäss (RiC-O). Dublin Core und LIDO sind nicht mehrstufig — «—» = nicht anwendbar.
Zur Einordnung: Beschreibung von Archivgut → ISAD(G) bzw. RiC (Kodierung EAD3); Akteure → ISAAR(CPF)/EAC-CPF bzw. RiC-Agent; Sammlungsobjekte → LIDO; digitale Verpackung → METS, Erhaltung → PREMIS; einfacher, spartenübergreifender Austausch → Dublin Core. Quellen: ICA (ISAD(G), RiC), SAA/LoC (EAD, EAC-CPF, MODS, METS, PREMIS), DCMI (Dublin Core), ICOM-CIDOC (LIDO).
Wird angebotenes Sammlungsgut übernommen — und unter welchen Auflagen? Eckdaten erfassen, Kriterien bewerten, eine gewichtete Empfehlung erhalten und einen Akzessionseintrag erzeugen.
BewertungÜbernahmeProvenienzAkzession
1 Eckdaten
Diese Angaben fliessen in den Akzessionseintrag (Schritt 3). Beispielwerte sind vorausgefüllt — einfach überschreiben.
2 Bewertung
Pro Kriterium die zutreffende Einschätzung wählen. Die Kriterien sind unterschiedlich gewichtet — Sammlungsprofil und Informationswert zählen am meisten.
3 Ergebnis
Bewertungsscore
Orientierung, kein Automatismus: Die gewichtete Bewertung unterstützt den archivischen Entscheid, ersetzt ihn aber nicht — Bewertung ist eine fachliche, im Kontext des Sammlungsauftrags zu treffende Entscheidung. Gewichtung und Schwellen lassen sich an die Praxis des Hauses anpassen.
Was dieser Werkzeugkasten ist, worauf er beruht — und was er bewusst nicht ist.
Der Archiv-Werkzeugkasten ist eine kleine Sammlung praktischer Werkzeuge für die tägliche Arbeit in Sammlungen und Archiven – aus Interesse an der Verbindung von archivischem Handwerk, Standards und nutzbarer Software.
Jedes Modul greift eine konkrete Aufgabe heraus — von der Übernahme über Erschliessung, Bewahrung und Recht bis zu digitaler Langzeitsicherung und Vermittlung — und übersetzt die fachlichen Grundlagen in ein nutzbares, nachvollziehbares Werkzeug.
Die Module stützen sich durchgehend auf etablierte Standards und Referenzen:
Diese Werkzeuge sind fachlich fundierte Orientierungs- und Vermittlungshilfen — Prototypen und Demonstrationen, nicht fertige Fachanwendungen. Konkret:
Diese Einordnung ist in den Modulen konsequent angelegt: Fusstexte, «keine Rechtsberatung», «illustrativ», «Beispieldatensatz».
Für den echten Einsatz im Haus käme dazu: Validierung der Werte durch die Institution, hausspezifische Anpassung (Sammlungsprofil, kommunales Recht, akzeptierte Formate), Datenpersistenz und Mehrnutzer-Betrieb sowie eine fachliche Review. Die Datenmodelle sind dafür bewusst übersichtlich gehalten und leicht anpassbar.
Der gesamte Werkzeugkasten ist eine einzige, eigenständige HTML-Datei — kein Server, keine Spezialsoftware, läuft im Browser. Einzige Ausnahme: die 3D-Ansicht lädt eine 3D-Bibliothek nach und benötigt dafür kurz eine Internetverbindung; alle übrigen Module funktionieren offline.
Rückmeldungen aus der Praxis sind ausdrücklich willkommen.
Ein offenes Werkzeugset rund um die Praxis von Sammlungen und Archiven.
Das OAIS-Referenzmodell (ISO 14721) ist der gemeinsame Bezugsrahmen der digitalen Langzeitarchivierung. Hier klickbar — als Vermittlungshilfe fürs Team und für Stakeholder.
ISO 14721CCSDSSIP · AIP · DIPPDI
A Funktionsmodell
Ein digitales Archiv übernimmt Informationen vom Produzenten, erhält sie dauerhaft und stellt sie dem Konsumenten bereit. Tippe auf einen Baustein für die Erklärung.
Baustein
Tippe auf einen Baustein oder ein Paket (SIP / AIP / DIP) im Modell.
B Informationspaket
Ein AIP bündelt die Content Information mit der vollständigen Preservation Description Information (PDI); die Packaging Information hält alles zusammen, die Descriptive Information macht es auffindbar. Tippe ein Element an.
Bestandteil
Zur Einordnung: OAIS (Open Archival Information System, ISO 14721 / CCSDS 650.0) definiert ein gemeinsames Vokabular und ein Funktions- sowie Informationsmodell für die dauerhafte Erhaltung. Es ist ein Referenzmodell, keine Implementierung — konkrete Systeme (z. B. ein Repositorium mit METS/PREMIS) setzen es unterschiedlich um.
Wo steht die digitale Langzeitarchivierung – und was ist der nächste sinnvolle Schritt? Fünf Funktionsbereiche selbst einschätzen, ein Reifegrad-Profil und konkrete nächste Schritte erhalten.
NDSA LevelsDPC RAMSelbsteinschätzung
1 Selbsteinschätzung
Wähle pro Bereich die zutreffende Stufe (0 = noch nicht begonnen, 4 = höchste Stufe). Die Bereiche sind unabhängig – ein hoher Stand in einem Bereich gleicht einen niedrigen in einem anderen nicht aus.
2 Profil
Bezugsrahmen: angelehnt an die NDSA «Levels of Digital Preservation» (fünf Funktionsbereiche × vier Stufen; v2.1, 2026) und das DPC «Rapid Assessment Model» (Reifegrade 0–4; v3, 2024). Die Stufenbeschreibungen hier sind eigene, vereinfachte Formulierungen zur Orientierung – für eine belastbare Bewertung die Originalwerkzeuge nutzen. Ein Reifegrad-Check ersetzt keine Strategie, hilft aber, Prioritäten zu setzen.
Darf ein Werk digitalisiert, veröffentlicht oder vermittelt werden? Werkart und Eckdaten eingeben – der Wegweiser schätzt, ob es gemeinfrei oder noch geschützt ist, nennt die einschlägige Regel und das Freigabejahr.
URG (SR 231.1)Art. 29–32Lichtbildschutz seit 2020
1 Werkart
Die Werkart bestimmt die Schutzregel. Bei Fotografien ist entscheidend, ob sie individuellen Charakter haben (Lichtbildwerk) oder nicht (Lichtbild).
2 Angaben
Die Frist wird ab dem 31.12. dieses Jahres gerechnet (Art. 32). Bei Miturheberschaft das Todesjahr der zuletzt verstorbenen Person.
3 Ergebnis
Gemeinfrei ab
Keine Rechtsberatung. Der Wegweiser bildet die Grundregeln vereinfacht ab und ersetzt keine Einzelfallprüfung; Sonderfälle (z. B. Sammelwerke, Auftrags- und Arbeitsverhältnisse, ausländische Werke, KI-Erzeugnisse) sind nicht abgedeckt. Massgeblich ist das Urheberrechtsgesetz (URG, SR 231.1), insb. Art. 2, 5, 29–32 und 22b; der Lichtbildschutz für Fotografien ohne individuellen Charakter gilt seit dem 1.4.2020.
Ein strukturiertes Erst-Screening für heikle Herkunft – NS-Kontext (1933–1945) und kolonialer Kontext. Eckdaten und Screening-Fragen führen zu einer Risikoeinstufung, nächsten Schritten und einem kopierbaren Prüfprotokoll.
Washington PrinciplesBest Practices 2024ICOMUNESCO 1970
1 Eckdaten
Diese Angaben fliessen in das Prüfprotokoll (Schritt 3). Beispielwerte sind vorausgefüllt – einfach überschreiben.
2 Screening
Pro Frage Ja / Unklar / Nein wählen. Schon ein «Unklar» ist ein Grund für vertiefte Recherche – fehlende Klarheit ist kein Freibrief.
3 Ergebnis
Sensibles Thema – Orientierung, keine abschliessende Bewertung. Dieses Erst-Screening ersetzt keine historisch-fachliche Provenienzrecherche und keine rechtliche Beurteilung; im Zweifel Fachstellen beiziehen. Bezugsrahmen: Washington Principles (1998) und deren Best Practices (2024), UNESCO-Übereinkommen 1970 bzw. Kulturgütertransfergesetz (KGTG), ICOM-Ethikkodex. Recherchequellen u. a.: Lost Art Database und Proveana (Deutsches Zentrum Kulturgutverluste), Art Loss Register, ICOM Red Lists; in der Schweiz die Fachstelle des Bundesamts für Kultur (BAK). Sorgfaltspflicht ist fortlaufend.
Eine konsistente Signaturenlogik aufbauen und an einer Tektonik durchspielen. Schema festlegen, Beispielbestände hinzufügen – die Signaturen werden automatisch, eindeutig und sortierbar vergeben.
ProvenienzprinzipTektonikISAD(G)-Stufen
1 Schema
Vier Stufen nach ISAD(G): Bestand → Serie → Dossier → Einzelstück. Lege Archivkürzel, Trennzeichen und Nummerierung fest.
2 Tektonik
Einträge in der Reihenfolge erfassen, in der sie eingeordnet werden. Die Signatur ergibt sich automatisch aus Stufe und Position – immer eindeutig, neue Einträge werden hinten angefügt (Erweiterbarkeit).
3 Grundsätze
Zur Orientierung: Das Werkzeug demonstriert eine saubere, eindeutige und erweiterbare Signaturenlogik nach dem Mehrstufenmodell von ISAD(G) und dem Provenienzprinzip. Welches Schema passt, hängt vom gewachsenen Bestand und den Gepflogenheiten des Hauses ab; bestehende Signaturen sollten möglichst beibehalten werden.
Merkmale eines Bildes auswählen – das Werkzeug schlägt das wahrscheinlichste Verfahren vor und nennt Datierung, Gefährdung und richtige Lagerung. Ein Bestimmungsschlüssel zur ersten Orientierung.
Fotografische VerfahrenDrucktechnikenDatierungLagerung
1 Kategorie
2 Merkmale
Mehrfachauswahl möglich. Je mehr zutreffende Merkmale, desto sicherer der Vorschlag. Eine Lupe hilft (Raster, Korn, Oberfläche).
3 Vorschlag
Bestimmungshilfe, keine Diagnose. Die Zuordnung beruht auf typischen Merkmalen und ist eine erste Orientierung – ähnliche Verfahren lassen sich nur am Original sicher unterscheiden. Bei Nitrat- und Acetatfilm geht es auch um Sicherheit: im Verdachtsfall separieren und Fachstellen beiziehen. Datierungen sind Richtwerte. Quellen: NEDCC, NPS, Graphics Atlas sowie konservatorische Fachliteratur.